
Dann kam der Dezembertag 1946, an dem es klingelte und Onkel Helmut vor der Tür stand.
Eine in nächster Nähe abgeworfene Brandbombe hatte ihm die Augen so verblitzt, dass er große Teile seiner Sehkraft verlor.
Phosphorverbrennungen an den Beinen behinderten ihn beim Laufen.
Erst nach langem Aufenthalt war er aus dem Lazarett entlassen worden und hatte daraufhin seine Kräfte gebündelt, um die von ihm geschätzte Verwandtschaft zu besuchen.
Platz war vorhanden.
Die Geborgenheit des Familienanschlusses, nahm er dankbar an.
Trotz seines harten Schicksals ging eine fröhliche Ausstrahlung von Onkel Helmut aus, die Uffe schätzte.
Schon von Kindheit an war Helmut begeisterter Angler.
In weiser Voraussicht hatte er vor seiner Abfahrt, die noch zu Vorkriegszeiten erworbene, sorgfältig verwahrte, Angelschnur mitgebracht.
Genau die, die Uffe fehlte und die sonst gerade nirgends zu bekommen war.
***
Je näher der 31te kam, desto häufiger wiederholte Onkel Helmut die Idee einen Silvesterkarpfen zu fangen.
Zusammen mit Uffe würde das gelingen.
Da war er sich sicher.
Sollten sie erwischt werden, versprach Onkel Helmut sich der Obrigkeit als Anstifter und Verantwortlicher zu stellen.
Das gleichbleibende Wetter, mit dem schon seit Tagen vorherrschenden wolkenlos-frostigen Winterhoch, war ideal für ihr Vorhaben.
Der zunehmende Mond, mit seinen – bei klarem Nachthimmel – guten Sichtverhältnissen, auch.
„Das lieben Karpfen!“, versicherte Onkel Helmut.
Widerwillig zögernd gaben Uffes Mutter und Opa Franz ihre Zustimmung.
Das Risiko vom Grabengänger erwischt zu werden, der von den Besatzern darauf angesetzt war Fischwilderei zu unterbinden, war ebenso gegeben, wie das, einer der Tommy-Streifen in die Arme zu laufen und bestraft zu werden.
Jetzt fehlten nur noch Köder.
Dort, wo Opa Franz vormals die übriggebliebenen Wildinnereien verbuddelt hatte, stießen sie bei tieferem Graben auf Würmer und Maden.
Vorfreudig befüllten sie damit am Vortag ihres geplanten Fischzuges eine mitgebrachte Blechdose.
***
Früh morgens um sechs brachen sie auf.
Dunkel wars, aber das Mondlicht genügte ihnen.
Die morgendliche Kälte begünstigte das erhöhte Behaglichkeitsbedürfnis der Kontrollierenden.
Der zeitliche Abstand zwischen deren Kontrollen wurde frostbedingt größer und die Kontrollrunden kleiner.
Günstig für die Zwei.
Ihr Ziel war ein 20 Gehminuten entfernter Teich, der weiter außerhalb lag und deshalb vom Wasserablassen verschont geblieben war.
Uffe trug die zerlegte Angel und den Kescher in einem alten Jutesack über der Schulter.
Onkel Helmut hatte seinen alten Wehrmacht-Rucksack aufgeschnallt, in dem sich die Haken, die Madendose, das Fischtöter-Rundholz, das Fischmesser und alte, aufgerollte Küchenhandtücher zum Einwickeln des erhofften Fangs, befanden.
In dem Aufzug hätte man sie für Holzsammler halten können.
Durch die jagdlichen Streifzüge mit Opa Franz kannte Uffe sich bestens auf den Nebenwegen im Wald aus.
Aufmerksam gingen sie, über die teils verwurzelten Pfade, zum Teich.
Ein stilles, vorsichtiges Gehen, bei dem sie sich an die Hand nahmen.
Leise mahnte Uffe Onkel Helmut zur Langsamkeit, sobald der Untergrund unebener wurde.
Bald schon hatten sie den eisfreien Teil des Teiches erreicht.
Die Luft war rein.
Niemand zu sehen.
In der aufkommenden Frühdämmerung suchten sie sich einen geschützten Platz und beobachteten die Wasseroberfläche.
Keine fünf Minuten später hatten aufsteigende Luftblasen einen Karpfenstandort verraten.
Flugs war die Angel montiert und die erste Made zappelte am Haken.
Mit seitlichem Schwung warf Uffe den Köder aus und übergab Onkel Helmut, der auf einem Baumstumpf neben ihm saß, die Angel.
Am Vorabend hatten sie noch darüber „fischosophiert“, dass der Köder dem Fisch und nicht dem Angler schmecken muss.
Übersetzt auf den Karpfen hegten sie die Hoffnung, dass ihre mitgebrachten Lebendköder die, neben dem Maul in den Barteln befindlichen, Geschmackszellen des Fisches anregen.
Vor allem aber brauchte es hungrige Karpfen.
„Bei den niedrigeren Wassertemperaturen sind die Karpfen träge“, stellte Onkel Helmut klar.
„Sie schwimmen nicht mehr so viel umher, verbrauchen weniger Energie und sind deshalb auch weniger hungrig. – Ihre Fressphasen verkürzen sich.“
Trotzdem bliebe da noch genügend Gefräßigkeit, soweit er wisse, denn der Karpfen futtere an einem Tag fast die Hälfte seines eigenen Körpergewichts.
Die Zeit verging.

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